Kleinwalsertal 23. bis 26.1.2012: Stufe 3 und viel Verzicht...

Beim letzten Bericht hatte ich ja schon erwartet, dass es kritischer wird als bei der letzten Schneefallperiode. Die Gefahrenstufe war zwar identisch (zunächst 4 = große Lawinengefahr), aber das Problem war, dass sich die Schichtverbindungen nicht so einfach testen liessen. Durch den starken Sturm wurde der Oberflächenreif und aufbauend umgewandelte Schnee an der Oberfläche vielfach einfach weggeblasen, was an diesen Stellen eine viel bessere Schichtverbindung zur Folge hatte.

Ist sogar ein Schneedecken-Extremtest an einer ungünstigen Stelle negativ, kann man meist Entwarnung geben. Hier war jedoch die Meereshöhe nicht ausreichend und die oberste Schicht, die beim ersten Sprung abging, hat bereits in dieser Höhe einen 3er nahegelegt. Diese Schicht hätte man jedoch mit einer leichteren Belastung (Standard-Rutschblock, Extended Column Test) noch genauer testen müssen.

Dazu kam an diesem Tag noch das Problem der Inhonogenität der Grenzschicht zwischen Alt- und Neuschnee, weshalb die Aussagekraft des Tests von vornhinein sehr beschränkt war. Da bleibt nur noch die Beschränkung auf eine einfache, probalistische Methode wie die DAV-SnowCard oder Reduktionsmethode.

Beobachtungen am 24. und 25.1. am Hohen Ifen: Schneedeckentests und Sprengungen

Nun sollte man denken, das ist doch gut, wenn sich die Schichten gut verbinden. Doch für mich ist es "sicherer" wenn alle Stellen im Hang kritisch sind und nicht nur ein paar wenige. Teste ich z.B. ein paarmal die Schneedecke, kann ich mir dennoch nie sicher sein, dass ich diese Bedingungen auch im ganzen Hang und in anderen Hängen in dieser Exposition und Höhe vorfinde. Das war der gravierende Unterschied zum letzten Mal, als sich relativ rasch sagen liess, dass die Schichtverbindungen bereits viel besser waren und man seinen Handlungsspielraum trotzt hoher Gefahrenstufe erweitern konnte.

Also eine typische "Tretminensituation", wo ich die Lage der Minen nicht kenne. Da passt der Vergleich mit dem Überholen im Nebel sehr gut: Die Vordermänner haben alle bereits überholt, es ist nichts passiert und daraufhin beschließe ich, dass Überholen ohne Sicht sicher ist....

Ehrlich gesagt war ich auch schon geneigt, die Lage etwas postiver (also statt Gefahrenstufe 3 ein 2er) zu sehen, da ich z.B. Lawinensprengungen beobachtete (ein Fernglas ist immer gut...), die alle negativ waren und auch sonst keine Lawinen zu sehen waren. Zudem machten wir am ersten Kurstag einen Schneedecken-Extremtest (siehe Film), wo nur die oberste, frische Neuschneeschicht ablösbar war. Ansonsten war aber die gesamte Schneedecke sehr stabil. Dies allerdings auf einer Höhe von 1500 Meter, weshalb wir uns noch keine Aussage für größere Höhen zutrauten. Die Schneefallgrenze vor dem Einschneien lag nämlich bei ca. 1800 Meter!
Bis wir dann mit der Ifenbahn hochfuhren. Dort war wohl die Schwachschicht noch stärker vorhanden, was zu zahlreichen Sprengerfolgen führte. Sowohl die oberste Schicht, die auch beim Schneedeckentest einen Tag zuvor abging wie auch die Verbindung zur Altschneedecke (also der Oberflächenreif) zeigten sich noch schlecht verbunden. Also waren wir an diesem Tag sehr defensiv und ich traute mich auch nicht, einen Schneedeckentest direkt neben den Schneebrettern am Hohen Ifen durchzuführen - die Konsequenzen eines größeren Abgangs als geplant wären zu ungünstig gewesen.

Es stellt sich natürlich auch die Frage, was tue ich an so einen Tag, wenn ich z. B. Freeriden will und nicht die Zeit habe, solche aufwändigen Tests zu machen? Zahlreiche Freerider an diesem Tag beantworteten sich diese Frage, indem sie einfach in steile Hänge einfuhren. Als dort nichts passierte, wurden sie frecher und es passierte immer noch nichts. Dass dies so geschehen würde, war fast schon klar nach dem Faktorencheck der Einflussbedingungen: Die Schneedecke war durch ihre Mächtigkeit nur noch schwer auslösbar und in vielen (aber eben nicht allen..) Hängen gut verbunden. Doch wenn ich dies als Bergführer missachte und bei solchen Bedingungen steil fahre, bin ich spätestens innerhalb von 2-3 Jahren in einen Unfall verwickelt. Die Statisitk ist halt gnadenlaos.

Ich fragte mich dennoch, ob ich hier nicht wieder der Schisshase bin - obwohl ich noch eine Woche zuvor bei einem 3er angepöbelt wurde, als ich steilere Hänge fuhr. Aber ein Blick auf die Fakten inkl. roter Bereich der DAV-SnowCard zeigte halt ein Bild, das mir das Risiko zu hoch erscheinen liess. Besonders in solchen Situationen bin ich trotz über 30 Jahren Forschung und Lernen mit Lawinen froh, wenn ich auf ein einfaches, durchaus restriktives System zurückgreifen kann. Und dies vor allem auch im Einzelhang! Hier hat sich bei mir die letzten 10-15 Jahre ein Wandel vollzogen, da ich mit der ständigen Auseinandersetzung mit Lawinen eher mehr als weniger Respekt vor der Materie bekommen habe.

Tour am 26.1.: Viele Gleitschneelawinen, aber auch eine labile Schicht auf Schmelzharsch...

26.2.2012: Tour

Am nächsten Tag waren wir auf Tour in Baad im Kleinwalsertal und sahen (neben dem wegen Lawinengefahr gesperrten Wegs ins Bärgundtal) viele frische "Fischmäuler". Diese kündigten schon an, was wir später beobachten durften: Eine Gleitschneelawine, die kurz nachdem ein Skifahrer den Hang querte, abging. Wir verzichteten zuvor auf diesen Hang im Aufstieg, was uns dann sehr bestätigte.
Die Schneedeckentests der obersten Schichten waren dann auch nicht berauschend, die Verbindung wurde mit zunehmender Höhe immer schlechter - vermutlich durch aufbauende Umwandlung oberhalb einer Harschschicht (Gradient nach Kaltfrontdurchgang). Also verzichteten wir auch noch auf unsere Alternative, da diese durch einen schattigen, 38-Grad-Triebschneehang geführt hätte.
Manchmal tut das natürlich weh, wenn man dann gleichzeitig Hunderte andere ihren Spass im Powder haben sieht. Wer ist hier jetzt der Dumme?

Die nächste "Überraschung" folgte aber bei einem Blick zur Kanzelwand: Eine große Gleitschneelawine ging genau in dem Bereich ab, wo sonst die meisten Freerider abfahren. Da haben auch einige Glück gehabt... Die Lawine ging sehr weit bis in die Nähe der Skipiste.
Und auf der Heimfahrt ein Blick zum Fellbühel: Zahlreiche Skispuren wie erwartet - und zwei frische Schneebretter, eines davon mit Sicherheit durch Freerider ausgelöst. Doch auch hier wurde niemand verschüttet: Glück gehabt!