Freeride, Touren und Kurse: 11.1. bis 17.1. 2012

Ein Vierer ist ein Vierer ist ein Vierer.... ???
Wenn man mit den Leuten spricht, die täglich die Lawinenwarnungen ausgeben, sind diese meist sehr genervt von dem Hype um die Gefahrenstufen. Und die derzeitige Lage ist ein gutes Beispiel, dass dieselben Gefahrenstufen oft ein sehr unterschiedliches Risiko für den Skifahrer darstellen können. Doch erst mal der Reihe nach:

Im letzten Bericht schrieb ich noch, dass sich die mächtigen, warmen Schneeschichten des letzten Schneefalls vermutlich rasch verbinden werden. Dies war auch der Fall, wie zahlreiche, negative Sprengungen und unsere vergeblichen Versuche beim Kurs "Gespür für den Schnee" belegten. Insgesamt herrschten bald eine für den Skifahrer günstige Bedingungen, da die Auslösewahrscheinlichkeit auch bei evtl. vorhandenen Schwachschichten in der Tiefe nur noch sehr gering war - Stichwort Druckübertragung in die Tiefe. Dennoch war die Gefahrenstufe noch hoch - teilweise auf vier (große Lawinengefahr).

Es war der Traum...
Auf so etwas muss man in manchen Wintern lange warten.
Tipp: Film rechts unten auf Vollbild klicken. Viel Spass beim Ansehen und Träumen :-)

Bildgalerie vom 11. und 12.1. mit Diashow

Freeride 11. + 12.1.2012

Also machte ich mich am 11. und 12.1. auf zum Freeriden ins Kleinwalsertal. Den ursprünglichen Plan mit Nebelhorn und Giebelhaus gab ich auf, da mir das dann doch noch zu kritisch war und sich nicht gut anfühlte - was sich später auch noch bestätigen sollte.
Die Gefahrenstufe war noch hoch, da die Gleitschneelawinengefahr ständig vorhanden war und Großlawinen noch nicht ausgeschlossen werden konnten. Als Skifahrer konnte man aber nichts mehr auslösen, wenn man in den schneereichen Bereichen blieb und nur Hänge mit rauhem oder bewachsenem Untergrund (wegen der Gleitschneelawinen) befuhr.
Und es trat leider ein, was ich am 11.1. in der Früh aufgrund des herrschenden Lawinenhypes in den Medien schon vorhersagte (siehe mein Buch, Seite 79): Wir wurden bei einer Einfahrt am Walmendinger Horn als Wahnsinnige angepöbelt. Meine Antwort war leider auch nicht gerade sachlich, aber in solchen Momenten ist mir das manchmal auch nicht mehr möglich. Später verfolgte ich noch Gespräche im Bus von "wissenden Einheimischen", die den Tiefschneefahrern sogar den Tod wünschten. Da fühlt man sich schon fast in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts zurückversetzt.

Nun gut, wir hatten dennoch zwei perfekte Tage (siehe Film und Galerie) Und die Hänge waren auch noch nicht so stark verspurt, da noch viele Angst vor den Lawinen hatten - Wo doch eigentlich bei 30cm Schnee mit Wind und Obeflächenreif mehr Angst angesagt wären - aber da steht halt noch nichts in den Medien...

Vergelbiche Rutschblockversuche und eine wunderschöne Abfahrt im Oberflächenreif.
Am Schluss noch das Schneebrett am Zeigersattel, das von einer Freeridergruppe im Übergangsbereich von wenig zu viel Schnee ausgelöst wurde.

Gespür für den Schnee 12. bis 15.1.2012

Dann folgte ein Kurs "Gespür für den Schnee". Wie zu erwarten, war es sehr schwierig bis unmöglich, Schneeschichten großflächiger abzulösen. Dafür hatten wir traumhafte Abfahrten im Pulver und Oberflächenreif...

Eine eindrückliche Erfahrung machte ich, als ich mit der Gruppe aufs Nebelhorn fuhr, um die Abfahrt zum Giebelhaus "nachzuholen": Eine Gruppe von Freeridern hatte am 11.1. (!) ein großes Schneebrett an der Einfahrt vom Zeigersattel ausgelöst - genau da, wo ich an diesem Tag ursprüglich abfahren wollte, es aber wegen einem unguten Gefühl gecancelt hatte. Sie lösten das Schneebrett zwar an einer sehr steilen, relativ schneearmen (!) Stelle aus, wo wir niemals eingefahren wären, aber es war doch sehr beeindruckend, dass man trotz aller Analysen auch (nicht nur!) auf sein Gefühl achten sollte.

Damit kommen wir auch langsam zur aktuelle Lage und zum Unterschied zwischen den "Vierern":
Auf den Bildern und Filmen vom Kurs am letzten Wochenende sieht man eine wunderschöne, funkelnde Schneeoberfläche. Das Funkeln stammt vom Oberflächenreif und die Schneedecke selber war an der Oberfläche aufgrund der Temperaturdifferenz Warme Schneedecke - kalte Oberfläche bereits deutlich aufbauend umgewandelt (= sandiger, funkelnder Schnee). Und dies ergibt natürlich beim erneuten Einschneien eine sehr langanhaltende, kritische Schwachschicht - was wir bei der vorherigen Schneefallperiode nicht hatten!

Tour aufs Walser Geishorn mit örltichen Einwehungen. Obwohl Gefahrenstufe 1 herrschte, war im Steilgelände große Vorsicht angesagt. Beim Test mit den Skier war die Triebschneeschicht schon relativ gut mit der Unterlage verbunden, was aber örtlich sehr unterschiedlich war.

Walser Geishorn 17.1.

Doch zunächst durfte ich noch am 13.1. eine sehr schöne Tour aufs Walser Geishorn führen. Dort herrschte Gefahrenstufe 1 - und ich musste eine Hang umgehen, da er mir zu gefährlich erschien. Der Wind hatte zuvor den lockeren Pulver stellenweise stark verfrachtet und auf die labile Oberflächenschicht abgelagert. An diesem Tag war das Problem offen sichtbar und leicht zu umgehen. Deshalb konnten wir uns dennoch eine der schönsten Steilabfahrten in der Gegend gönnen, da diese lockeren Powder aufwies :-) (siehe Filme + Fotos).

Tour aufs Walser Geishorn mit örltichen Einwehungen. Obwohl Gefahrenstufe 1 herrschte, war im Steilgelände große Vorsicht angesagt. Beim Test mit den Skier war die Triebschneeschicht schon relativ gut mit der Unterlage verbunden, was aber örtlich sehr unterschiedlich war.

Aktuelle Lage am 21.1.2012

Und wieder hat sich die Westwetterlage mit Sturm und starken Regen- und Schneefällen durchgesetzt. Es regnete am Donnerstag bis ca. 1900 Meter hinauf, was die Schwachschichten bis auf eine Höhe von vermutlich ca. 1800 Meter zerstörte. Bis in diese Höhe (testen!) dürfte die Schichtverbindung zum Altschnee relativ schnell vonstatten gehen, da auch die Temperaturen nach dem Einschneien recht hoch waren. Zzunächst haben wir es dort aber mit Gleitschneelawinen und Nassschneelawinen zu tun...

Doch oberhalb dieser Grenze wird es erst Recht kritisch - und schwer im Gelände einzuschätzen. Bereits auf unserer Tour zum Walser Geishorn war die Schneeoberfläche durch den Wind sehr inhomogen. Viele Stellen waren abgeblasen und verfestigt, aber daneben wieder gab es Bereich mit einer dünnen Eislamelle mit Schwimmschnee darunter. Im Film vom Walser Geishorn hört man diese Eislamelle bei der letzten Abfahrt. Doch auch dies war örtlich sehr begrenzt, manchmal hatte es auch Oberflächenreif oder einfach nur Schwimmschnee an der Oberfläche. Sonnseitig war es natürlich besser, aber nur dort ,wo die Sonne frontal in den Hang schien. Dies bedeutet, dass man später nur sehr schwer die Schichtverbindung testen kann, da man nicht weiss, wo die schwachen Schichten anzutreffen ist. Mir ist ein Minenfeld mit vielen bekannten Minen lieber als ein Feld mit wenigen, dafür unbekannten Tretminen.

Nun hat es bereit ca. 70cm in der Höhe geschneit und es kam bereits die nächste Erwärmung, was die Schneedecke zusätzlich schwächt. Da hilft nur Verzicht und Beschränkung auf die tiefen Lagen - wenn denn der Regen nicht wäre :-(. Denn auch die Grundlawinen werden wieder voll aktiv. Am Walser Geishorn konnten wir sogar in der Kälte frische Grundlawinenabgänge ausmachen.
Da bleibt nur die Hoffnung, dass es nun wieder soviel schneit, dass die entstehende Schicht so dick und fest wird, dass sie die Belastung durch Skifahrer etc. wirkungsvoll abschirmt. Dazu braucht es aber noch ein paar Tage. Es ist auf jeden Fall noch viel mehr Vorsicht angesagt als beim letzten 4er. Falls wir am Montag zum Riden gehen, wird das wohl mit viel Testen und Beschränkung auf Höhen bis maximal 1900 Meter und Hangneigungen bis 30 Grad oder Waldgelände mit Bewuchs verbunden sein.